Jahresbericht

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Vorwort

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

 

wir freuen uns, Ihnen unseren aktuellen Jahresbericht 2016 präsentieren zu können, der Ihnen einen Einblick in die vielfältige Arbeit unseres Vereins geben soll.

 

Neben der Tätigkeit in der Beratungsstelle „Kasseler Hilfe“ in der Wilhelmshöher Allee sind wir Mitarbeiterinnen täglich im Zeugenzimmer bei Gericht und an zwei Tagen im KAIP-Büro, Polizeipräsidium anwesend.

 

Die unterschiedlichen Themen und Aufgaben, die uns dabei begegnen, erfordern viel Flexibilität und Berufserfahrung, machen jedoch die Tätigkeit vielfältig und dadurch immer wieder spannend.

 

Dank des großen Engagements des Vorstands, die dafür notwendigen finanziellen Mittel stets wieder zu beschaffen, sind die Mitarbeiterinnen in der Lage, sich ganz den Belangen der Opfer und Zeugen zu widmen. Wir möchten an dieser Stelle den Justizorganen danken, die auch in diesem Jahr den Verein mit Bußgeldzuweisungen unterstützt haben.

 

Ein Dankeschön ebenfalls der AWO Kreisverband Kassel-Stadt, die bei ihrem Neujahrsempfang unter den Mitgliedern Spenden für unseren Verein sammelte und ebenso an den regionalen Automobilclub AvD, Kurhessen e. V., der mit einer Rallye durch Kassel Spenden eintrieb. Unser Dank gilt auch dem Weißen Ring, der die Vertretung im Zeugenzimmer übernahm, während sich die Beraterinnen in Darmstadt zur „Psychosozialen Prozessbegleiterin“ ausbildeten.

 

Auf weitere gute Zusammenarbeit

Ihre Kasseler Hilfe

 


Der Verein Opfer- und Zeugenhilfe Kassel

Der Verein hat 26 Mitglieder: Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Kassel Stadt 2003 e.V., Caritasverband Kassel e.V., Deutscher Kinderschutzbund Ortsverband Kassel e.V., Franka e.V., Gemeinde Helsa, Gemeinde Lohfelden, Land Hessen, Stadt Kassel, Landkreis Kassel, pro familia e.V., Soziale Hilfe e.V. sowie 15 Einzelpersonen.

 

Seit Gründung 1993 wird der Großteil der Finanzierung durch Zuweisungen des Hessischen Ministeriums der Justiz getragen.

 

Der Verein ist als gemeinnützig anerkannt und Mitglied im Arbeitskreis der Opferhilfen Deutschlands (ado) und dem Wohlfahrtsverband Der Paritätische, Hessen. Die Zuständigkeit erstreckt sich über den gesamten Gerichtsbezirk Kassel.

 

Als Vorstand sind für den Verein ehrenamtlich tätig:

 

Frau Andrea Boesken, Oberstaatsanwältin, Staatsanwaltschaft Kassel

 

Herr Wolf Winter, Präsident des Amtsgerichts Kassel

 

Herr Detlef Schulze, Dipl. Soz.-Pädagoge, Psychotherapeut,

Heilpraktiker für Psychotherapie

 

 


Das Team

  • Frau Ute Ochs, Diplompädagogin,
    25 Wochenstunden, Beratung, KAIP und Zeugenzimmer

  • Frau Annette Müller, Diplomsozialpädagogin,
    28 Wochenstunden, Beratung und Zeugenzimmer

  • Frau Alexandra Duwe, Verwaltungsangestellte
    20 Wochenstunden

  • Frau Silke Emde, Diplomsozialpädagogin und Supervisorin,
    33 Wochenstunden, Beratung und Zeugenzimmer

Adresse und Erreichbarkeit

KASSELER HILFE

Opfer- und Zeugenhilfe Kassel e.V.

Beratungsstelle

Wilhelmshöher Allee 101

34121 Kassel

Tel. 0561 / 28 20 70

 

Sprechzeiten: 

Montag bis Freitag 08:30 bis 12:30 Uhr und 13:30 bis 17:00 Uhr sowie nach Vereinbarung

 

Zeugenzimmer im Gericht 

Eingangshalle, 1 Stock links, Raum A102

Justizbehörden

Frankfurter Straße 9

34117 Kassel

Tel. 0561 / 912-2271

 

Sprechzeiten: 

Montag bis Freitag 08:30 bis 12:00 Uhr und nach Verarbeitung

 

www.kasseler-hilfe.de

info@kasseler-hilfe.de

 

kostenlos - vertraulich - auf Wunsch anonym


Die Beratung

Unser Angebot richtet sich an alle Menschen, die Opfer oder Zeuge einer Straftat geworden sind, sowie an deren Angehörige oder andere Vertrauenspersonen, wie z.B. die Mitarbeiter sozialer Einrichtungen, Lehrer, Erzieher, Jugendarbeiter.

 

Hilfe finden alle, unabhängig von der Deliktart und ob Anzeige erstattet wurde.

Die Beratungsstelle bietet einen geschützten Raum und mit der Beraterin ein geschultes und emphatisches Gegenüber. Die eigene Situation und das Leben nach der Tat werden reflektiert mit dem Ziel, selbst wieder handlungsfähig zu werden. Der individuelle Bedarf bestimmt die Hilfeangebote.

 

Gespräche über die durch die Tat entstandenen Probleme und typischen Ängste sind genauso möglich, wie die praktische Unterstützung beim Ausfüllen von Anträgen, wie z.B. den nach dem OEG (Opferentschädigungsgesetz), der Begleitung zu Terminen bei Rechtsanwälten, zur Polizei oder Ärzten.

 

Zu hören, dass die verstörenden Empfindungen, die sich nach dem (Üb)erleben einer Gewalterfahrung einstellen können, normale Reaktionen sind, wirkt entlastend. Manchmal reicht dies nicht aus. So ermutigen wir die Betroffenen, psychotherapeutische Hilfe bei Psychologen und Ärzten oder in Fachkliniken zu suchen.

 

Wichtig ist auch die Aufklärung über den Ablauf des Strafverfahrens von der Anzeige bis zur Hauptverhandlung. Die Information über die Rechte von Opferzeugen, z.B. dem Nebenklagerecht, und die eigene Rolle und Aufgabe im Verfahren ist ein wesentliches Element, um dem Gefühl der Hilflosigkeit angesichts der Justizabläufe und damit einer Verstärkung der Traumatisierung entgegen zu wirken.


Die Zeugenbegleitung

Die Vorbereitung der Hauptverhandlung bei Gericht, die Begleitung und Unterstützung am Verhandlungstag und die Nachbereitung der Gerichtsverhandlung sind ein fester Bestandteil unserer Tätigkeit.

 

Auch hier steht die Aufklärung an erster Stelle: Wie läuft eine Verhandlung ab, wer begegnet mir dort, welche Aufgaben haben die verschiedenen Personen im Sitzungs-saal, muss ich dem Täter begegnen? Hier führen wir die Betroffenen Stück für Stück an die Situation im Gericht heran. Wir warten gemeinsam auf den Aufruf zur Zeugenaussage am Verhandlungstag und sind dabei ein verständnisvoller und kompetenter Gesprächspartner.

 

Diese Begleitung und die Nutzung des Zeugenzimmers geben das Gefühl der Sicherheit und Stabilität, um sich der erneuten Schilderung der erlittenen Tat, der Befragung und der Konfrontation mit dem Täter zu stellen. Durch Information und Begleitung stärken wir das Selbstvertrauen der Betroffenen und geben einen wichtigen Wachstumsimpuls auf ihrem Weg zur Verarbeitung des Erlebten.

 

Im Jahr 2016 begleiteten die Mitarbeiterinnen, über die Tätigkeit am Gericht Kassel hinaus, Klientinnen zu den Amtsgerichtsterminen und zu deren Zeugenvernehmungen nach Hofgeismar, Korbach und Treysa, sowie zum Bundessozialgericht. Zudem bei einigen länger bestehenden Klientenkontakten, zum AG Marburg, LG Erfurt sowie AG Bonn. Dies betraf Klientinnen, die zwar in Kassel oder Nordhessen leben, die Straftat jedoch woanders stattfand und somit die Strafverfolgung einem anderen Bezirk zuzuordnen ist.


Das Zeugenzimmer

Seit 1999 ist das Angebot des Zeugenzimmers im Amtsgericht Kassel ein fester Bestandteil der Kasseler Hilfe. Täglich von 8:30 Uhr bis 12:00 Uhr von einer Mitarbeiterin besetzt, bietet es einen Ort, der zugleich nahe am Geschehen ist und doch geschützt.

 

Im 1. Stock vor dem Flur der Gerichtssäle des Amts- und Landgerichtes gelegen, hat man einen guten Überblick über den Eingangsbereich. Das ist wichtig, weil man so das Kommen und Gehen einsehen kann, gerade wenn man Begegnungen mit dem Beklagten auf dem Gerichtsflur vermeiden will. In dem großzügig geschnittenen Zimmer kann in ruhiger Atmosphäre die oft lange Wartezeit verbracht werden. Denn nicht immer ist der Termin, zu dem Zeugen geladen werden, einzuhalten. Der Ablauf der Verhandlung wird durch verschiedene Faktoren bedingt. So kann es z.B. durch das Antragsrecht zu zeitlichen Verzögerungen kommen. Für den Zeugen heißt es dann, geduldig auf seinen Aufruf zu warten.

 

Die Begleitung im Zeugenzimmer wird von vielen als Entlastung erlebt. Denn die Mitarbeiterin versteht sich als Lotse in einer unbekannten Situation. Sie informiert das Gericht über die Zeugenbegleitung, so dass der Zeuge direkt im Zeugenzimmer benachrichtigt wird, wenn seine Aussage erforderlich wird. Letzte Fragen über den Ablauf einer Verhandlung werden geklärt, es ist genug Zeit, sich zu sammeln und innerlich auf die Befragung einzustellen. Auf Wunsch werden Zeugen auch in den Saal begleitet. Hinterher kann sich eine Reflexion der Erfahrungen, die im Zeugenstand gemacht wurden, anschließen.

 

Die Zeugenzimmerdienste können spontan in Anspruch genommen werden, oder aber es findet ein erster Kontakt und eine Vorbereitung über die Beratungsstelle in der Wilhelmshöher Allee statt. 

 

Jeder Ladung einer Strafkammer liegt eine Einladung zur Nutzung des Zeugenzimmers bei und es liegen Flyer in den Wartebereichen.


KAIP- Kasseler Intervention bei häuslicher Gewalt

Häusliche Gewalt ist ein großes, gesellschaftliches Problem. Frauen, Kinder und Männer leiden sehr unter den Folgen dieser Gewalt, die dort stattfindet, wo wir uns sicher und geborgen fühlen sollten: zu Hause. Es gibt eine große Dunkelziffer, denn die Polizei wird meist erst dann benachrichtigt, wenn Menschen sich selbst nicht mehr zu helfen wissen. Frauenhilfevereine, Familienberatungsstellen, die Jugendämter und Familiengerichte wissen schon lange um diese Nöte. 

 

Mit dem Gewaltschutzgesetz von 2001 wurden Normen geschaffen, die es der Polizei ermöglichen, für die Betroffenen weitreichende Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen: Platzverweis, Wegweisung, Betretungs-, Annäherungs- und Kontaktverbot können sofort während des Einsatzes ausgesprochen werden. Diese Maßnahmen haben eine Befristung von längstens 14 Tagen. Alles Weitere entscheiden die Familiengerichte, wenn von den Betroffenen selbst ein Antrag gestellt wird. Und hier liegt ein weiteres Problem, denn in der Aufregung des Polizeieinsatzes gehen die wichtigen Informationen, die die Beamten vor Ort weitergeben, oft unter. KAIP hat sich zum Ziel gesetzt möglichst zeitnah einen Kontakt zu den Betroffenen herzustellen, um in der gegebenen Frist, rasch greifende Hilfe und Beratung zu vermitteln.

 

Durch die Initiative und Kooperation verschiedener Partner des Aktionsbündnisses gegen häusliche Gewalt Nord- und Osthessen, das unter dem Schirm der Nordhessischen Regierungspräsidenten seit 2001 in Kassel jährlich zum interdisziplinären Austausch zusammenfindet, wurde 2007 das KAIP-Büro im Polizei-präsidium Nordhessen eingerichtet.

 

Die Kasseler Hilfe, Frauen informieren Frauen (FiF) Kassel, Frauen helfen Frauen im Landkreis Kassel (FhF) sowie das Diakonische Werk Kassel (DWK) und die Behörden Polizeipräsidium Nordhessen, Staatsanwaltschaft Kassel, der Magistrat der Stadt Kassel und der Kreisausschuss des Landkreises Kassel leisten damit einen deutlichen Beitrag zur Prävention.

 

In der Praxis stellt sich KAIP wie folgt dar:

Das Interventionsprogramm ist bei der Polizeidirektion Kassel angesiedelt und steht in deren Verantwortungsbereich. Ein Ansprechpartner wurde für die laufenden Belange der Interventionsstelle benannt. Bei dem Polizeirevier Mitte steht ein Büroraum nebst kompletter Ausstattung zur Verfügung. Dort sind von Montag bis Freitag jeweils von 9.00 bis 11.00 Uhr Mitarbeiterinnen der sozialen Einrichtungen für KAIP tätig. Nach Sichtung der von den Polizeirevieren der Stadt und des Landkreises Kassel zugewiesenen Fälle häuslicher Gewalt nehmen die Sozialpädagoginnen Kontakt zu den Betroffenen auf. Da in den meisten Fällen eine Wegweisung gegenüber den Gewalttätern ausgesprochen wurde, bietet sich ein Zeitfenster von 14 Tagen, in dem die Betroffenen wichtige Schritte für die eigene Sicherheit einleiten können. Die Mitarbeiter klären über diese Möglichkeiten auf und informieren über weiterführende Hilfsangebote. Das KAIP-Büro wird an zwei Wochentagen von der Kasseler Hilfe besetzt. FiF Kassel e.V. und FhF im Landkreis Kassel e.V. sind jeweils einen Vormittag vor Ort. Die Familienberatung des Diakonischen Werkes Kassel übernimmt mit einem Mitarbeiter die Kontaktaufnahme zum Täter, denn seit 2012 gibt es für diese ein Therapieangebot in Kooperation von Pro Familia Kassel e.V. und dem DWK. Ihnen wird damit ein Hilfsangebot gemacht, um den Kreislauf der Gewalt selbstverantwortlich zu durchbrechen. 

 

Die Staatsanwaltschaft Kassel steht KAIP als Ansprechpartner in aktuellen Rechtsfragen zur Verfügung. Die Frauenbeauftragte der Stadt Kassel bewirkt die Vernetzung und Vermittlung mit der Kommune und dem Hilfesystem. Der Kreisausschuss des Landkreises Kassel unterstützt das Vorhaben auf Landkreisebene.


Die psychischen Auswirkungen von Gewalt

Menschen machen in ihren Leben unterschiedlichste belastende Erfahrungen: Es kann ein Unfall sein, eine Naturkatastrophe, Kriegserlebnisse oder eine Straftat. Die Konfrontation mit Gewalt oder Übergriffen in privaten Räumen, z.B. der eigenen Wohnung oder aber auch dem Computer, kann dazu gehören. In der Regel stehen uns eigene Verarbeitungsstrategien zur Verfügung, um mit diesen Erlebnissen umzugehen. Vielen gelingt es durch die Unterstützung von Freunden und Angehörigen diese Erlebnisse zu verarbeiten. Die Auswirkungen einer Straftat können für die Betroffenen sehr unterschiedlich sein. Am offensichtlichsten sind die materiellen oder körperlichen Schäden. Manches lässt sich über Versicherungen regulieren. So ist ein Türschloss schnell ausgetauscht, eine Verletzung heilt, auch wenn vielleicht Schmerzen bleiben. Was immer bleibt, ist der innerliche Nachhall des erfahrenen Unrechts, eine verstörende Verunsicherung.

 

Ist eine Situation allerdings mit dem überwältigenden Gefühl der Ohnmacht oder gar Lebensbedrohung verbunden, wirkt sie traumatisch. Sie trifft Menschen unvorbereitet und unvorhersehbar, einmalig oder über viele Jahre hinweg immer wieder. Man ist selbst betroffen, oder indirekt als Zeuge, als Helfer vor Ort oder Angehöriger. Eine solche unmittelbare Gewalterfahrung erschüttert das Vertrauen in die eigene Sicherheit und Kontrolle, führt an die Grenzen der Belastbarkeit und eigenen Ressourcen. Man zweifelt an der Gesellschaft, dem Staat und seinen Instanzen sowie an religiösen Glaubensbildern. Es können sich andauernde Beeinträchtigungen im seelischen und oft auch im körperlichen Bereich entwickeln, die erst Wochen oder Monate nach dem traumatischen Ereignis auftreten.

 

Die psychische Verarbeitung eines Traumas verläuft in verschiedenen Phasen:

In der ersten Zeit nach der Tat (Schock- oder Wirkungsphase) erlebt der Mensch den Kontrollverlust noch als starken inneren Erregungszustand, einer erhöhten Schreckhaftigkeit, Unruhe oder Zittern. Nicht immer ist dieser Zustand auch äußerlich anzumerken. Manche Menschen wirken nach außen ruhig und gelassen aber auch erstarrt. Dies ist meist ein Zeichen der Verwirrung, die mühsam unterdrückt wird. Andere können sich tagelang nicht beruhigen, schlafen und essen nicht oder können nicht allein sein.

 

In der zweiten Phase fühlt der Betroffene Furcht, Traurigkeit oder Zorn. Gleichzeitig ist er bemüht die Kontrolle über sein Leben wieder zu erlangen und sich den alltäglichen Anforderungen auszusetzen. Damit wird versucht, die emotionale Erschütterung zu leugnen und abzuspalten. Das Erleben der Ohnmacht, Hilflosigkeit, die Nähe zu Tod und Verletzung wird verdrängt (Rückzugsphase).

 

In der dritten Phase können sich die verleugneten seelischen Erschütterungen in fest umschriebene Symptome, wie Schuldgefühle oder Depression, wandeln (Symptomphase). Durch eine therapeutisch oder seelsorgerisch begleitete Bearbeitung der persönlichen Dimension des Erlebten kann eine psychische Integration in die eigene Lebensgeschichte möglich und vielleicht sogar Sinnhaftes gefunden werden (Reorganisationsphase).

 

Nach epidemiologischen Studien (vgl. Arbeitsbericht der Opferhilfe Hamburg e.V.: Vortrag zur Fachtagung „Neue Ansätze in der ambulanten Traumatherapie“, A. Maerker, J. Müller) sind zwar körperliche Gewalt und Gewaltandrohungen, schwere Unfälle oder Zeuge solcher Situationen zu sein die häufigsten Traumata. Jedoch führen sie nicht bei allen Menschen unbedingt zu einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Die schwersten Folgeschäden bilden sich nach Vergewaltigung (enge Definition ohne sexuelle Belästigung), Kriegsteilnahme (nicht nach Soldat und Zivilist unterschieden), Misshandlungen, familiäre Gewalt und sexueller Missbrauch in der Kindheit.

 

Die Symptome der psychischen Verletzung lassen sich in drei Gruppen einteilen:

Erinnerungssymptome: Das Erlebte taucht in Erinnerungsattacken auf. In plötzlichen Flashbacks wird die Situation emotional wieder erlebt mit allen dazu gehörenden körperlichen Erscheinungen wie Zittern, Herzrasen, Angstschweiß. Auslöser sind oft Außenreize wie ein Geruch, Töne, eine Stimme, eine Gestalt.

 

Vermeidungssymptome: Hierbei versucht sich der Betroffene vor den belastenden Erinnerungen zu schützen. Bewusst und unbewusst wird versucht, Menschen und Situationen zu umgehen, die mit dem Geschehen in Verbindung gebracht werden. Dies führt zu einem sozialen Rückzug, das Interesse und die Teilnahme am Leben verringert sich. Die Gefühlswelt, die Affekte sind eingeschränkt. Depressive Stimmungsbilder und eine latente Hoffnungslosigkeit ohne Zukunftsperspektive treten auf.

 

Übererregungssymptome: Diese zeigen sich in Form von erhöhter Schreckhaftigkeit, Nervosität, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen und Angstzuständen, hoher Reizbarkeit bis hin zu Aggressivität.

 

Dazu kommen Gefühle von Scham, Schuld, Wut, Demütigung, Hilflosigkeit, Einsamkeit. Es kann zu Missbrauch von Alkohol, Medikamenten oder anderen Drogen kommen. Das soziale Umfeld und die Angehörigen fühlen sich in dieser Situation häufig überfordert, und reagieren manchmal mit Verharmlosung, Abkehr, Unverständnis oder gar Schuldzuweisungen. Die sogenannte Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist eine typische Reaktion der Psyche, die oft nur mit professioneller Hilfe ausreichend behandelt werden kann. Hierfür gibt es Möglichkeiten der ambulanten oder stationären Traumatherapie bei Psychologen, Ärzten oder in Kliniken. Bei Bedarf und auf Wunsch unterstützen die Mitarbeiterinnen der Kasseler Hilfe traumatisierte Opfer dabei, einen geeigneten ambulanten Therapieplatz oder eine Klinik zu finden.


Kooperation

Vernetzung und interdisziplinäre Kooperation sind für unsere Arbeit wichtig. So nehmen wir seit vielen Jahren an unterschiedlichen regionalen und überregionalen Arbeitskreisen teil. Wir schätzen den fachlichen Austausch sehr, denn er erweitert den Blick.

 

Die Kasseler Hilfe ist Mitglied im Arbeitskreis der Opferhilfen Deutschland (ado), einem Zusammenschluss der professionellen Opferhilfen. Die jährliche Fachtagung und Mitgliederversammlung fand 2015 in Dresden statt.

 

Weiter gibt es einmal jährliche Vernetzungstreffen mit dem „Aktionsbündnis gegen häusliche Gewalt Nord- und Osthessen“ unter der Schirmherrschaft des Regierungspräsidiums Kassel, sowie dem „KAIP Kooperationskreis“ im Rathaus Kassel. Zudem finden unregelmäßig KAIP-interne Besprechungen der vor Ort Tätigen statt, um die gemeinsamen Arbeitsabläufe des KAIP-Büros zu optimieren. Vierteljährlich treffen sich Mitarbeiterinnen aller Hessischen Hilfen abwechselnd in Gießen, Hanau, Kassel, Frankfurt oder Wiesbaden. Ebenso verfahren die Vorstände der hessischen Opferberatungsstellen. Außerdem trifft sich der „Förderverein für die hessischen Opfer- und Zeugenhilfen Hanau“. Weiter gibt es regelmäßige Kontakte mit dem Kasseler Zentrum für Psychotraumatologie und einen monatlichen Arbeitskreis gegen sexuellen Missbrauch „GESA“. Das Frauenbüro der Stadt Kassel initiiert seit 2013 ein unregelmäßiges Treffen zum Thema „Verfahrensunabhängige Spurensicherung für Kassel“. Auch hier nimmt die Kasseler Hilfe teil.

 

Leider lässt es unsere Zeit nicht zu, noch mehr Arbeitsgruppen zu besuchen. Aber wir erhalten als „stille Teilnehmer“ Kenntnis der Ergebnisse vom Koordinierungsgremium „Sexuelle Gewalt an Mädchen und Jungen“ im Werra-Meißner-Kreis, dem „Runden Tisch gegen häusliche Gewalt“ in Korbach und dem „Runden Tisch gegen häusliche Gewalt“, Region Kassel.


Öffentlichkeitsarbeit

Auch in diesem Jahr wurde vermehrt unser Informationsangebot zum Thema Opferhilfe angefragt.

 

Wir hielten Vorträge bei:

der Uni Kassel, Fachbereich soziale Arbeit

dem Soroptimist-International Club Kassel-Bad Wilhelmshöhe

der Polizei Korbach

dem Schulamt Kassel

einer Flüchtlingsunterkunft in Kassel Niederzwehren

Bei einer Veranstaltung des Sozialamtes der Stadt Kassel zur Fortbildung der Heimleiter von Flüchtlingsunterkünften zum Thema „Häusliche Gewalt“ war eine Mitarbeiterin als Vortragende eingeladen.

 

Darüber hinaus informierten sich der Präventionsbeauftragte der Bundespolizei, sowie die Kasseler Mitarbeiterin der Beratungsstelle response, für Betroffene von rechter und rassistischer Gewalt, ansässig in Frankfurt, über die Tätigkeit und Aufgaben der Kasseler Hilfe. Der regionale Automobilclub veranstaltete eine Rallye durch Kassel und brachte für den Verein Spendengelder ein.


Weiterbildung

Auch wenn in den Jahren zuvor immer auch Menschen mit Migrationshintergrund die Dienste der Beratungsstelle in Anspruch genommen haben, war das Thema in diesem Jahr durch den vermehrten Zustrom an Flüchtlingen in der Beratungsstelle präsenter. Eine Dolmetscherin für orientalische Sprachen, selbst aus diesem Kulturkreis stammend, bildete die Mitarbeiterinnen und den Vorstand zum Thema „Interkulturelle Kompetenz“ fort.

 

Eine Mitarbeiterin besuchte den Fachtag „Flüchtige Seelen, Menschen mit Traumata und Träumen“ in Ulrichstein.

Auch nahmen wir an der Fortbildung „Geflüchtete Menschen in Nordhessen“ bei der Drogenhilfe Nordhessen teil.

 

Durch die Implementierung der „Psychosozialen Prozessbegleitung“ in die Europäischen Opferrechts-Richtlinien mussten sich die Mitarbeiterinnen der Kasseler Hilfe, gemäß einer hessischen Sonderregelung, einer einwöchigen interdisziplinären Fortbildung in der Evangelischen Hochschule Darmstadt unterziehen. Mit dem erworbenen Zertifikat kann nun beim Präsidenten des Oberlandesgerichts die Zulassung beantragt werden.


Statistische Daten

Im Jahr 2016 nahmen 464 Personen in 296 Fällen das Angebot einer Beratung oder Begleitung durch die Kasseler Hilfe in Anspruch. Es gab sowohl einmalige Gespräche als auch regelmäßige Besuche. Insgesamt 209 Zeugen wurden von uns im Zeugenzimmer betreut, davon wurden 91 Personen während der Zeugenvernehmung in den Zeugenstand begleitet.

 

 

Die Ratsuchenden waren:

 

Der Gerichtsbezirk des Landgerichts Kassel umfasst die Stadt Kassel und die Landkreise Kassel, Schwalm-Eder, Werra-Meißner sowie Teile des Landkreises Waldeck-Frankenberg. Im Landgerichtsbezirk sind die Amtsgerichte Eschwege, Fritzlar, Kassel, Korbach und Melsungen angesiedelt.

 

Die Wohnorte wurden angegeben mit:

 


Die Altersstruktur verteilt sich wie folgt:

 

 

So unterschiedlich die Gründe für eine Beratung sind, so breit gefächert kann auch der Verlauf der Gespräche und die Ergebnisse sein.

 

Es waren folgende Deliktarten vertreten:


Presse

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HNA 09.06.2016: "Auf dem Schulweg belästigt"
HNA 09.06.2016 Auf dem Schulweg bel
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HNA 18.06.2016: "Gemeinsam gegen sexuelle Gewalt"
HNA 18.06.2016 Gemeinsam gegen sexuelle
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HNA 23.06.2016: "Hilfe fü Opfer sexueller Gewalt"
HNA 23.06.2016 Hilfe für Opfer sexueller
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HNA 02.11.2016: "Verkaufsstart für Soroptimist-Adventskalender"
HNA 02.11.2016 -Verkaufsstart für Soropt
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HNA 23.11.2016: "Wer schlägt ist schwach"
HNA 23.11.2016 -Wer schlägt ist schw
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